Der Seewetterbericht ist kein Fließtext, sondern ein Formular. Er folgt immer derselben Reihenfolge: Wetterlage, dann pro Seegebiet Wind, Sicht/Wetter und Seegang. Wer diesen Aufbau kennt, findet in fünf Sekunden, was er braucht.
Der Aufbau
Jede Ausgabe beginnt mit der Wetterlage — ein bis drei Sätze über Hochs, Tiefs und ihre Zugbahn. Diese Zeilen werden am häufigsten übersprungen und sind die wertvollsten: Sie sagen, ob sich die Lage stabilisiert oder ob morgen etwas anderes kommt.
Danach folgt für jedes Seegebiet derselbe Dreiklang:
- Wind — Richtung, Stärke in Beaufort, Änderungen im Tagesverlauf, Böen
- Sicht/Wetter — Niederschlag, Gewitter, Nebel, Sichtweite
- Seegang — signifikante Wellenhöhe in Metern
Die Zeitwörter
Diese Begriffe sind nicht umgangssprachlich gemeint, sondern beschreiben Dauer und Häufigkeit im Vorhersagezeitraum:
| Wort | Bedeutung | Praktisch |
|---|---|---|
| anfangs | zu Beginn des Zeitraums, dann Änderung | Wer später losfährt, bekommt andere Bedingungen |
| vorübergehend | kurze Unterbrechung, danach zurück zum Ausgangszustand | Nicht auf die Flaute verlassen |
| zeitweise | mehrfach, mit Unterbrechungen | Kommt wieder, planen Sie damit |
| später | in der zweiten Hälfte des Zeitraums | Rückweg neu bewerten |
| aufkommend / auffrischend | Wind nimmt zu | Reffen einplanen, bevor es nötig ist |
| abflauend | Wind nimmt ab | Achtung: Seegang bleibt länger stehen als der Wind |
Die Flächenwörter
Sie beschreiben, welcher Anteil des Seegebiets betroffen ist — und das ist entscheidend, weil ein Seegebiet wie die Deutsche Bucht mehrere hundert Seemeilen misst.
| Wort | Anteil des Gebiets | Wie Sie es lesen |
|---|---|---|
| vereinzelt | sehr kleiner Teil | Wahrscheinlich nicht bei Ihnen — aber möglich |
| strichweise | schmale Streifen, oft entlang einer Front | Zieht als Band durch, dauert kurz und ist heftig |
| gebietsweise | größere zusammenhängende Teile | Rechnen Sie fest damit |
| verbreitet | fast überall | Betrifft Sie |
| örtlich | eng begrenzt, oft küstennah | Revierabhängig, Küstenwetterbericht prüfen |
Die drei häufigsten Lesefehler
1. Böen werden überlesen
Steht dort „östliche Winde 5, Gewitterböen 8", dann muss das Boot Windstärke 8 vertragen — nicht 5. Die Zahl hinter „Böen" ist die, nach der Sie Ihre Besegelung wählen. Der Mittelwind sagt nur, wie es sich die meiste Zeit anfühlt.
2. Der Seegang wird als Obergrenze gelesen
„Seegang 2 Meter" ist der Mittelwert des höchsten Wellendrittels. Einzelne Wellen laufen deutlich höher auf — bei 2 Metern signifikanter Höhe sind 3,5 Meter normal. Mehr dazu auf der Seite zu Seegang und Wellenhöhe.
3. Das falsche Gebiet
Der Seewetterbericht gilt für die offene See. Innerhalb von etwa zwölf Seemeilen vor der Küste gilt der Küstenwetterbericht, der feiner aufgelöst ist. An der Grenze weichen beide regelmäßig um ein bis zwei Windstärken voneinander ab — thermische Effekte an der Küste erklären den Unterschied.
Ein Beispiel im Klartext
Übersetzt: Den ganzen Tag Ost mit Windstärke 5. Irgendwann fällt der Wind auf größeren Teilen des Gebiets ab — aber nur kurz, danach ist er wieder da. In der zweiten Tageshälfte dreht er auf Süd bis Südwest und wird etwas schwächer. Über den ganzen Zeitraum sind bei Gewittern Böen bis Windstärke 8 möglich.
Praktisch heißt das: Ein Kurs, der morgens gut liegt, liegt nachmittags anders. Und die Flaute zwischendurch ist kein Grund, das Reff auszuschütteln.
Wann der Bericht erscheint
Der Seewetterdienst Hamburg gibt den Bericht mehrmals täglich neu heraus. Auf dieser Seite wird er automatisch nachgeladen, sobald eine neue Ausgabe vorliegt; die Zeile „Stand" oben nennt immer den Zeitpunkt der aktuellen Ausgabe. Über Seefunk und NAVTEX läuft derselbe Text zu festen Sendezeiten — das ist der Weg, der auch ohne Mobilfunk funktioniert.